Kunst und Liebe für dein Ankommen
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Auf einer Welle

Ende August habe ich meine Komfortzone seit langem mal wieder verlassen und mich an einen fremden Ort, zu fremden Menschen und unter fremde Bedingungen für eine komplett fremde Sportart gewagt: ich war eine Woche im Surfcamp auf Sylt.

Samstag, 9:00 Uhr - Stendal

Es regnet. Ich stehe dick eingepackt am Bahnhof und warte auf den Zug. Was ich für eine Woche in der Ferne bei mir habe, beschränkt sich auf das nötigste: Klamotten, die mehreren Wetterlagen taugen müssen, einem kleinen Notizbuch und jeder Menge Müsliriegel. Keine Yogamatte, keine Kamera, kein Longboard für die Straße, keine Ukulele. Keine Freunde, keine Familie. Nicht einmal die Sicherheit meines Autos. Nur ich und das tiefe Vertrauen in die Deutsche Bahn, die mich sicher und ohne lebensbedrohliche Umstände an mein Ziel bringen soll. Zum ersten Mal und seit langem so allein. Ich fahre nicht gerne Zug, ich steuere lieber selbst und bestimme, wann ich wo sein muss und wie sehr ich mich beeilen möchte oder eben nicht. Aber die Strecke nach Sylt ist preislich sehr autounfreundlich. Und wer das eine will, muss das andere eben mögen.

Wenn man mir in diesem Moment gesagt hätte: Maria, du kannst nicht fahren, du musst hier bleiben – es hätte mich nicht gestört. Mein Mut geriet heftig ins Wanken. Vielleicht denkst du, ist doch nichts dabei, allein mit der Bahn irgendwohin zu fahren. Sicher, für viele nicht. Aber für manche schon, aus welchen Gründen auch immer.

You can't stop the waves. But you can learn to surf.

John Kabat-Zinn

Samstag, 16:00 Uhr - Sylt

Nach Zugausfällen, Verspätungen, Gratiskaffee und dem Spaß, mit einem 15kg Rucksack über den Bahnsteig zu rennen kam ich erschöpft aber happy in Westerland an. Drei Kilometer Fußmarsch brachten mich zur Jugendherberge und ins gebuchte 6-Mann-Zelt.

Eine halbe Stunde später steige ich den Strandübergang Richtung Nordsee hoch. Eine ausgeblichene Holztreppe führt die Dünen hinauf. Oben angekommen ziehe ich die Flipflops aus. Der Sand ist fein und wie gesiebt. Rechts und links des Weges erstrecken sich die Dünen in der späten Nachmittagssonne. Das Rauschen wird lauter, der Wind weht kräftig, ich sehe die ferne Oberfläche des Atlantiks. Wolken türmen sich am Horizont auf, werden vom Wind so schnell weiter getragen, dass ich die Bewegung der sonnigen Lichtfelder auf der Landschaft beobachten kann. Es geht abwärts. Ich rutsche auf dem Sand nach unten, der Strand ist unfassbar breit. Alles, was ich sehe, ist Weite. Unendlichkeit. Sand nach Norden und Süden, soweit das Auge reicht. Ewiges Wasser. Kaum Menschen. Die Sonne spiegelt sich auf der Meeresoberfläche und taucht die Wolken in dramatisches Licht. Und die Wellen … die Ostsee ist schön, aber das hier ist eine ganz andere Kategorie von Wasser. Die See türmt sich schulterhoch auf und bricht direkt am Strand. Hellgrüne Wellen, die hypnotisierende Barrels formen. Weiß und schäumend, tosend und wunderschön. Ich setze mich in den Sand, ziehe mir die Kapuze über den Kopf und strahle den Ozean an.

 

Sonntag, 9:30 Uhr - Lennys Point*, Sylt

Ich zwänge mich zum ersten Mal in einen Neoprenanzug. Die Luft ist kühl, der Anzug nass, das Anziehen ein Riesenspaß. Frieren kam bei der Anstrengung nicht in Frage. Wenig später halte ich rechts und links jeweils ein Ende von zwei Longboards in den Händen, die wir immer zu zweit tragen, und stapfe die Dünen hoch. Die Bretter sind schwer, der Weg ist weit und der Wind schiebt uns seitwärts, wirbelt mir die Haare durch. Meine Hände verkrampfen, die Schultern schmerzen. Ich grinse übers ganze Gesicht. Sylts Dünenlandschaft erinnert mich an Island. Weit und farbenfroh. Rauh, verbunden einem Gefühl von Heimat für mich.

Dreihundertfünfzig Meter weiter legen wir die Bretter am Strand ab und setzen uns erschöpft drauf. Es folgt die erste Theoriestunde von Lenny und Sven über den Spot, die Sandbänke, das Weißwasser. Ich erfahre, was ein Channel ist, wie ich paddeln muss und was physikalisch abläuft, wenn so eine Welle mein Surfboard mitnimmt. Ich höre zu, das meiste habe ich schon mal gelesen. Die Vorfreude pumpt mich mit Adrenalin voll.

Und dann heißt es: „Los! Lasst uns surfen!“

Also die Leash am Knöchel befestigen und das Board schnappen, durch den Sand ziehen (Longboards sind schwer zu tragen) und dann mit dem Brett unterm Arm ins Meer. Ich hab keinen Plan, was ich richtig oder falsch mache. Jede Bewegung fühlt sich ungeübt an. Egal, Hauptsache rein. Die ersten Wellen prallen gegen mich und das Brett, je weiter ich reingehe, desto kräftiger werden sie und schieben mich jedes Mal ein paar Meter zurück. Wir befinden uns im Weißwasser, dem Bereich nachdem die Wellen an der Sandbank gebrochen sind. Trotzdem haben sie ordentlich Energie, kommen seitlich und überrollen sich gegenseitig. Also weiter kämpfen, gegen die Wellen springen, ohne das Board aus den Händen zu verlieren, bis ich hüfttiefes Wasser erreiche. Dann das Brett zügig (als ob!) drehen, drauf legen – wo sollten die Füße noch mal sein? – und die nächste Welle rechtzeitig erwischen. Das alles muss innerhalb von Sekunden passieren, weil die Wellen so schnell hintereinander kommen.

Hinweis von Sven: „Maria, das ist wie bei den Männern – da nimmste auch nicht jeden!“ Also auf die richtige warten … Ich paddle, die Wellen rollen mehrmals unter mir durch, nichts passiert, außer dass ich zunehmend an Kraft verliere. Von rechts Rufe, was ich anders machen soll. Und irgendwann klappt es, die erste Welle nimmt mich ein Stück mit Richtung Strand. Ich finde Balance, breite die Arme im Liegen nach rechts und links aus und fliege grinsend übers Wasser.

Wenn Sekunden zu Tagen werden

Montag ist lay day, zu starker Wind, um surfen zu gehen. Dienstag werde ich vom Meer eingesaugt, mit einer Salzwasserspülung direkt durchs Gehirn versorgt und wieder ausgespuckt. Mittwoch sind die Wellen kaum als solche zu erkennen, tatsächlich wird das der Tag, an dem ich am besten üben kann. Arme und Schultern gewönnen sich ans Paddeln, das Hohlkreuz klappt, Körperspannung ist durchaus vorhanden. Lenny und Sven geben ihr Bestes, um uns in die schwachen Wellen hinein anzuschieben. Wir haben Zeit, immer wieder entspannt ins Weißwasser rein zu kommen, das Paddeln und den Take-Off zu üben. Wir werden mit unseren Boards vertraut, können Witze und Faxen machen oder einfach nur auf dem Brett liegen, durchatmen und das Glitzern auf dem Wasser beobachten.

In den Theoriestunden mit unseren zwei symphatischen ISA-zertifizierten Surflehrern* – die nebenbei noch Brandungsrettungsschwimmer sind – lernen wir Vorfahrtsregeln, nehmen Material-, Wellen- und Gezeitenkunde durch und bekommen allerhand Infos zu verschiedenen Spots und Reisemöglichkeiten. Jackpot!

Donnerstag zeigt uns der Atlantik, was er Tolles kann: heftiger Wind aus Nordwest, mega starke Strömung Richtung Süden, Wellen die unkontrolliert und gefühlt kreuz und quer heranrollen und brechen. Die Strömung im seichten Wasser ist so stark, dass sie mir die Füße beim Reingehen wegreißt. Der Wind an Land so mächtig, dass er mein Brett einmal quer über den Sand katapultiert und ich entgeistert hinterherrenne. Absolut keine Anfängerbedingungen – wir haben’s trotzdem versucht.

Am Ende meiner Kräfte lasse ich mein Board (vor Wind geschützt) am Strand liegen und gehe allein ins Wasser. Nur schwimmen, tauchen, den Bewegungen des Meeres folgen und mich treiben lassen – bis die nächste große Welle kommt und mich untertaucht. Nachgeben und Frieden schließen. Ich möchte das Surfen nicht als Kampf gegen’s Wasser empfinden.

The best surfer out therer is the one having the most fun.

Phil Edwards

Freitag, 12:30 Uhr

Letzte Chance. Seit Mittwoch bin ich mit mir im Reinen und entspannter. Ich brauche keine Erwartungen, möchte nur genießen.

Spot-Check: Schöner groundswell, side-onshore Wind aus Nordwest, die Wellen kommen schräg, aber relativ sauber, leichte Strömung nach Süden. In der letzten Theorie-Einheit erfahren wir, wie wir aus dem Weißwasser raus ins Line Up kommen, um zum ersten Mal grüne Wellen zu surfen – den Channel nutzen und paddeln, was das Zeug hält. Und da draußen? Kein doppelter Boden, nur tiefes Wasser unter und hohe Wellen hinter uns. Ich gehe etwa zwei Sekunden lang in mich und lehne dankend ab, ich bleib im Weißwasser. Das ist mir noch ne Nummer zu groß. Der Spaß ist mir an dem Tag wichtiger.

Und so suche ich mir ein Fleckchen zwischen all den anderen Surfbrettern, nehme eine Welle nach der anderen, bin selten erschöpft. Der Take Off will am Anfang nicht gelingen. Sven fragt mich, was ich da eigentlich veranstalte und ich muss lachen. Irgendwann klappt es wieder. Ich stehe. Das Brett liegt sicher auf dem Wasser. Ich reite eine Welle. Ich surfe. Unter mir die Energie des Meeres und vor mir Sven, der mir beim Vorbeisurfen ein High five gibt. Bämmm!

Am Ende der Session sitze ich am Strand und grinse wie blöd vor mich her.

Was bleibt

Momentaufnahmen, wie die beschriebenen. Ein breites Lächeln, wenn ich jemandem davon erzähle. Ein kleines Hüpfen im Herzen. Ein Gefühl, das ich mit nichts vergleichen kann – auf einem Surfbrett zu liegen, nach hinten zu schauen, auf die Welle zu warten, angespannt und voller Vorfreude, im richtigen Moment loszupaddeln und zu spüren, wie das Brett Fahrt aufnimmt.

Nachts am Strand zu sitzen, die Augen zu schließen und dem Klang der Wellen zu lauschen – sie klingen anders in der Nacht, keine Ahnung, warum.

Die Erkenntnis, dass es sich immer lohnt, seinem Mut zu folgen. Es kostet Überwindung, die eigene Komfortzone zu verlassen, und manchmal braucht es wirklich diesen Schalter im Kopf, der Vernunft und Zweifel im richtigen Moment ausknipst. Aber es lohnt sich. Einfach machen! Könnte gut werden.

Dankbarkeit für jeden, dem ich in dieser Woche begegnen durfte – Jenny, Jule, Lara, Tai, Jana und Christoph. Danke für die wunderschöne Zeit und den bedingungslosen Zusammenhalt. Weil wir alle aus demselben Grund da waren! Eine einzige Gemeinsamkeit reicht, mehr braucht es nicht, um sich mit Menschen verbunden zu fühlen.

Und nicht zuletzt: Lenny*, Sven* und Freddy*. Danke für den grandiosen Unterricht, jedes Grinsen und jeden Witz. Und für tränenreiche Lachanfälle, bei denen ich nicht mehr wusste, warum ich gerade lache. Ich drück euch alle von Herzen!

Bis nächstes Jahr!

Surfschule RideOn*

Surf Moment*

Birgid*

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