Kunst und Liebe für dein Ankommen

Sei doch mal traurig

Mir geht es gut. Ich lebe ein erfülltes Leben, habe ein gesundes Kind, arbeite nur so viel, dass es meine Gesundheit nicht negativ beeinträchtigt, und habe Freizeit. Ich kann meinem Kind fair produzierte Bio Klamotten kaufen und mir den Luxus erlauben, mich gesund zu ernähren, Sport zu treiben, zu Meditieren und Hobbies nachzugehen, sei es Malen, Stricken, Ukulele spielen oder Longboard fahren. Ich führe eine gesunde Beziehung, die mich öffnet und sein lässt. Ich habe Privilegien, ohne etwas dafür getan zu haben, außer hier und da ein bisschen fleißig zu sein. 

Ich bin frei.

Trotzdem gibt es Tage, an denen mich Traurigkeit überkommt. 

Bist du deine Emotionen?

Oder bist du derjenige, der sie wahrnimmt?

Gute und schlechte Gefühle

Egal, wie gut unsere Lebensumstände sind und wie viel wir uns finanziell leisten können, das Gefühl von Glück ist nie von Dauer. Weil Glück nicht von außen kommt. Weil ein Glück, das durch äußere Umstände erzeugt wird, immer nur kurzweilig ist. Mir ist das bewusst, weil ich mich seit geraumer Zeit mit dem Streben nach Glück und Zufriedenheit auseinandersetze. Und ich konnte bei mir selbst beobachten, dass die Freude über Dinge, die ich mir gekauft habe, sehr vergänglich ist. Gegenstände ändern mein Leben nicht, mein Dasein, meine Grundausrichtung, mein Inneres. Da bleibe ich immer ich – egal, ob ich einen neuen oder einen alten Pullover trage.

Ich predige (mir selbst und auch mal anderen gegenüber), dass es normal ist, traurig zu sein. Dass es dazu gehört. Dass wir, auch ohne Anlass, manchmal von innen heraus Melancholie verspüren. Weil sie ein Teil von uns ist. Von mir zumindest. Und ich habe in der Vergangenheit oft gesagt: „Das ist okay. Sie darf da sein.“ 

Trotzdem tat es weh. 

Und ich tat mich schwer damit, diese Phasen zu überstehen. Ich litt. Und wenn ich es genau betrachte, dann nicht unter meiner Traurigkeit, sondern unter dem Drang, sie wegmachen zu wollen. Darunter, mir selbst nicht genug Verständnis entgegenzubringen. Ich hatte das Bedürfnis, die traurigen Phasen korrigieren zu müssen, ihnen entgegenzuwirken und sie zu übertünchen, mit Ablenkung. Immer schön positiv denken! Dankbar sein! Immerhin habe ich keinen Grund, traurig zu sein und mich zu bemitleiden. Ich baute Mauern, die mich vor dem vermeintlichen Schmerz bewahren sollten. Und tat mir damit selber weh. So weh, wie es uns allen tut, wenn jemand, den wir lieben, uns nicht so akzeptiert, wie wir sind. Wenn andere versuchen – und sei es nur durch gut gemeinte Ratschläge – uns zu „korrigieren“ und „besser“ zu machen, damit wir in die Welt passen. 

Uns auf diese Art weh zu tun, ist wohl nicht ungewöhnlich.

Ich muss das an dieser Stelle noch einmal so deutlich sagen, vor allem zu mir selbst: Es ist okay, traurig zu sein. Traurigkeit ist kein „schlechtes“ Gefühl, es hat die gleiche Daseinsberechtigung wie Fröhlichkeit. Menschen neigen dazu, unangenehme Gefühle wegzureden. Auch bei anderen, vielleicht, weil es ihnen selbst schwer fällt, sie auszuhalten. Es ist in unserer Gesellschaft nicht anerkannt, grundlos traurig zu sein. Aber mir tut das tatsächlich weh, wenn ich als Antwort auf mein „Ach, mir geht’s grad nicht so gut“ bekomme: „Kopf hoch, das wird schon!“ oder „Ach, sei doch nicht traurig“ oder einfach nur einen verwirrten Gesichtsausdruck, weil jemand nicht versteht, wie man grundlos traurig sein kann. Weil jemand anders meine Melancholie ablehnt. Dann fühle ich mich mies und es fällt mir wieder schwerer, die Akzeptanz für mich selbst zu üben.

Empathie

Deswegen versuche ich, es anderen gegenüber anders zu machen. Ohne zu wissen, ob es am Ende wirklich besser ist. Wer weiß das schon?

Unsere ältere Nachbarin hat vor einigen Monaten ihren Mann verloren. Seitdem wird sie täglich vom Pflegedienst abgeholt. Und manchmal, wenn ich von der Arbeit komme, steht sie, wie sonst früher mit ihrem Mann, auf dem Balkon. Wir grüßen uns und reden kurz. Sie fragt, wo der Kleine ist, und ich antworte. Und dann frage ich, wie es ihr geht und sie winkt ab und antwortet „Alles scheiße!“ Ich nicke still, als könnte ich verstehen, wie sie sich fühlt. Dann sagt sie „Ich hab keinen Bock mehr! Die sollen mich alle in Ruhe lassen … Sollen se mich einfach verbuddeln!“ und fängt an zu weinen. Und ich spüre den großen Drang, etwas dagegen zu sagen. Ihr zu „helfen“. Was ein schlechter Witz ist. Also stehe ich da, schaue hoch zum Balkon und halte es aus. Halte ihre Tränen und ihre Trauer aus, spüre den Widerhall in mir, in meinem eigenen dunklen Abgrund, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Und bin doch total unsicher, ob das nun das Richtige ist. Diese Sekunden fühlen sich für mich ewig an und sind doch nichts im Vergleich zu dem Gefühl, das sie in ihrer leeren Wohnung haben muss.

Offener Raum

Als mich meine Melancholie neulich erreichte, hockte ich in meiner Küche. Ich weinte nicht, ich saß nur da, fühlte mich schwer und dunkel innerlich, traurig eben. Aber etwas war anders sonst. Ich war nicht allein. Jemand war bei mir und fragte mich, wie er sich verhalten könne, um mir zu helfen. Nicht um mich aufzuheitern, sondern um mir genug Raum für alles zu geben, was gerade nötig ist. Ich sah ihn an und sagte nach ein paar Sekunden: „Ich weiß nicht.“ Weil ich es nicht wusste. Weil ich plötzlich traurig sein durfte, ohne es mit einer Fassade überspielen zu müssen. Ohne funktionieren zu müssen. Ohne dass jemand etwas dagegen unternehmen wollte, mir „helfen“ wollte. Er sagte nicht: „Ich munter dich auf!“, „Komm, wir gucken einen schönen Film!“ oder „Ach, das wird schon!“ Nichts. Er stand nur da, lächelte mich an und wartete ab. Und um mich herum entstand auf einmal so viel Raum. Ich durfte sein. Ich und meine ganz eigene grundlose Melancholie.

„Umarmungen sind immer gut“, fiel mir dann irgendwann ein. Und ich bekam eine. In dem Moment realisierte ich, warum Umarmungen das Beste sind. Besser als Küsse oder Sex, besser als eine Massage oder ein Frühstück am Bett. Umarmungen sind die perfekte Balance aus Geben und Nehmen. Ein schlichtes Halten. Ich halte dich und du hältst mich. Ich kann dir genauso viel geben, wie du mir. Niemand gibt zu viel oder zu wenig, es gibt keine Fehlinterpretationen, keine Erwartungen, kein Drängen, kein schlechtes Gewissen, weil man zu sehr nimmt oder sich später revanchieren muss.

Und es ist auch egal, ob der Mensch, den ich umarme, kleiner oder größer, körperlich stärker oder schwächer ist. Umarmungen wirken immer gleich. Wie ein Halten ohne Gewicht. Ich brauche nicht mehr Muskeln als mein Gegenüber, um ihn umarmen zu können. Ich brauche nur meine Bereitschaft, mein Herz, ein bisschen Offenheit.

Loslassen, ohne loslassen zu müssen

Weich

Und während der Umarmung bemerkte ich eine Verbindung in mir drin, die nur ganz selten da ist: der direkte Draht von meinem Kopf zu meinem innersten sensiblen Kern, zu dem Kind, das ich mal war. Zu dem Teil von mir, der immer weich ist, niemandem etwas Böses will. Der nichts verlangt, sondern nur da ist, um sanft zu sein. Ich weiß nicht, ob das für dich nachvollziehbar ist. Die Sätze klingen komisch, wenn ich sie lese. Innere Vorgänge lassen sich schwer in Worte fassen.

Seit ich diese Verbindung an jenem Abend so deutlich spüren konnte, erinnere ich mich im Alltag manchmal daran. Wenn ich gerade hetze oder in diesen automatischen Funktionsmodus falle, in dem ich immer an alles denke und organisiere, koordiniere und plane. Dann schaff ich es manchmal, sehr selten, inne zu halten und in mich hineinzuspüren, weich zu werden beziehungsweise mich einfach weich sein zu lassen. Diese harte funktionelle Schale außen rum kurz abzustreifen oder wenigstens ein Fenster darin zu öffnen und mich kurz zu entspannen. 

Verbindungen

Es gibt keine guten oder schlechten Gefühle. Alle Gefühle sind gleichwertig. Fröhlichkeit ist genauso schön wie Melancholie. Ich möchte das wirklich verinnerlichen, weil es mir so schwer fällt. Weil Angst und Wut und Schmerz körperlich wehtun. Aber vielleicht sind das alles nur direkte Linien zu unserem Kern. Zu dem sanften, liebenden Kern. Vielleicht geht genau in dem Moment, wenn wir starke Gefühle empfinden, eine Tür in uns auf. Was sagt mir meine Wut? Wofür ist sie gut? Wovor habe ich Angst und was steckt wirklich dahinter? Wenn ich dieses miese Gefühl aushalte, mich hinsetze und es wirklich zulasse, ihm folge, in mich hinein: Wohin führt es? Worauf zeigt es? Es muss keine klare Antwort sein, kein logischer Gedanke, keine Erkenntnis. Die Antwort ist reine Wahrnehmung, was spüre ich am Ende dieser Verbindung?

Es mag wichtig sein, dass wir anerkennen, warum wir traurig sind. Aber vielleicht ist es noch viel wichtiger uns zu fragen, wofür es gut ist

Vielleicht habe ich in jenem Moment in meiner Küche einen winzigen Milliprozentpunkt mehr von dem chaotischen Universum in mir verstanden. Was hierhin geführt hat, weiß ich nicht genau. Womöglich sind es die täglichen Meditationen seit anderthalb Jahren. Zum Teil ist es meine Beziehung und die Reflexion daraus. Gedanklich unterstützt mich der Podcast von Michael Kurth dabei. So wundervoll und sympathisch! Ich übe mich seit ein paar Monaten darin, kalt zu duschen und auszuhalten, was sich eigentlich ganz schrecklich anfühlt. Beim Yoga mit Meghan Currie an die Grenzen gehen und manchmal auch kurz darüber hinaus und dann fühlen, was passiert, wenn wir uns in einer Anstrengung befinden, die eigentlich zu anstrengend ist. Die unser Kopf komplett ablehnt. Aus der unser Körper sofort wieder heraus will. Nicht verbissen zwingen, sondern bewusst hineinspüren und bleiben. Einfach bleiben. Mit allem, was gerade da ist, egal wie schmerzhaft.

Mach doch mal!

Deine Maria

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