Kunst und Liebe für dein Ankommen

Das weiße Blatt

Ich spüre Anspannung im Bauch, während ich das weiße Blatt vor mir auf den Tisch lege und meinen Füller zur Hand nehme. Der Druck steigt, als ich die Kappe abziehe. Meine Hand schwebt über dem Papier, zuckt, will einen Strich setzen. Sofort. Den ersten Strich, die Leere überwinden, das Weiß füllen. Es muss ein guter Strich werden. So einer, der mich umhaut und meinen inneren Kritiker im Keim erstickt, zum Schweigen bringt. Der BÄMMM ruft. Der meiner Kreativität sofort die Richtung weißt, in die das Bild gehen möchte. Dieser Strich muss eine Offenbarung sein. Der Schwung, der Druck, die Dynamik, alles muss passen. Ich setze an, ohne darüber nachzudenken, fühle die Erlösung nahen und presse die Feder aufs Papier, führe sie mit einem kratzenden Geräusch pulsartig übers Blatt, als würde meine Ader Blut verspritzen.

Der Füller malt nicht. Trocken.

Ich setze noch einmal an, spüre die Nervosität im Nacken. Kratze wiederholt über die Zellulose. Immer wieder. Solange, bis die Tinte fließt. Da ist er. Der erste Strich dieses Bildes. Eine dunkelblaue Linie mit null Ausdruck. Nur ein Strich. Keine Offenbarung.

Leere

Das weiße Blatt starrt mich an, seine Leere lacht mich aus. Tadelt und verurteilt mein Nichtkönnen. Ich habe es nicht bewiesen. Ich habe ihr und allen anderen nicht beweisen, dass ich Künstler bin. Dass in mir ein unerschöpflicher Quell aus leidenschaftlicher Kreativität fließt. Der mich Tag und Nacht mit Leben, Sonne, Farben erfüllt. Der in mir pulsiert und nur auf die Gelegenheit wartet, auszubrechen und der Welt mein Innenleben zu zeigen. Mich zu zeigen. Mich zu finden. Alle Farben und alles Leben in mir auf ein Blatt, auf eine Leinwand zu schöpfen und frei zu lassen. Dem ganzen Leben in mir Raum zu geben.

Wer ist diese Leere und was will sie von mir?

In den meisten Fällen überwinde ich diese erste Sekunde mit wahllosen Strichen. Es muss etwas passieren. Das Weiß muss weg. Ich muss etwas Erschaffen, sofort. Schließlich ist da so viel in mir, das raus möchte. Das Bilder erschaffen und Menschen erreichen möchte. Den ganzen Tag über habe ich farbintensive Gemälde im Kopf. Meine Gemälde. Und dann kommt der Moment, wenn ich endlich Zeit habe. Den ganzen Tag hat mein Körper, mein Kopf, mein Herz auf diese Erlösung gewartet. Ich müsste explodieren. Abliefern. Und genau in diesem Moment bin ich leer. Kein Funken Kreativität. Weggespült, verdrängt, verschluckt. Warum? 

Vom Lärm der Welt? Kann das sein? Umgibt sie mich doch die ganze Zeit und füllt meinen Kopf mit Ideen. 

Von mir selbst? Aus Angst? Wovor? 

Oder ist es meine Erwartung, mein innerer Kritiker, der alles schluckt? Der den Moment nutzt, um mich klein und unbedeutend zu schimpfen. Um mir zu zeigen, dass nichts in mir dieses weiße Blatt verdient hat. Das nichts raus darf. Nichts darf sich der Welt zeigen. Ich bin nicht groß und bedeutend. Ich habe nichts zu erzählen. Ich bin leer.

Bleib

Wir sabotieren uns selbst. Wir blockieren uns. Aus Angst davor zu versagen. Aus Angst, unseren eigenen Ansprüchen und denen aller anderen nicht zu genügen. Auf mich trifft das jedenfalls zu. Das weiß ich erst seit kurzem. Und weil alles, was wir an uns selbst ablehnen, gegen uns kämpft, hilft wohl nur die totale Akzeptanz. Also:

Dableiben, aushalten, anschauen.

Ich sitze vor dem weißen Blatt und spüre die Unruhe in meinem Bauch. Meine Gedanken schnellen hin und her und suchen die Bilder des Tages, die Ideen, die Farben und Gesichter, Körperformen. Die Gefühle, die ich darstellen möchte. Mein Kopf sucht und findet nichts. Wird frustriert. Mein Bauch härter, meine Schultern schwerer, mein Nacken steif. 

Atmen. Weich werden. Und die Unruhe Unruhe sein lassen. Ich darf unruhig sein. Ich darf leer sein. Ich darf keine Ideen haben. Ich darf nicht wissen, was ich malen soll. Ich darf unfähig und ideenlos sein. Genau in diesem Moment bin ich bloß ein Mädchen mit einem Stift und sitze vor dem weißen Blatt. Die Leere leert mich. Und die Unruhe pulsiert und möchte raus, möchte sich lösen und ergießen. Die Energie staut sich, will sich ins Bild wandeln und weiß doch nicht wie.

Aushalten.

Dableiben.

Betrachten.

Das ist schwer. Unruhe auszuhalten, fällt mir schwer.

Langeweile und Stille auszuhalten, fällt uns wohl allen schwer. Weil uns die Gesellschaft ermuntert, immer etwas zu tun und geschäftig zu sein. Wer ruht, liefert nicht ab.

Ich gebe mir den Raum. So schwer es auch fällt. Ich betrachte die Struktur des Blattes, fahre die feinen Linien mit den Augen nach und nehme Gedanken und Impulse wahr, ohne ihnen sofort nachzugehen. Ich warte ab. Ich warte alles ab, was sich zeigt. Erst wenn ich es sich richtig anfühlt, setze ich den ersten Strich. Solange darf ich leer sein und warten. Und wahrnehmen, was auftaucht und vergeht.

Zeichnen

Ich beginne mit dem Bild. Zu zeichnen fühlt sich selten magisch an. Die Offenbarung existiert nur in meinem Kopf. Zeichnen ist Arbeit. Der Druck baut sich vor jedem Strich neu in mir auf, in der Hoffnung, sich kreativ zu lösen. Ich kann die Farben in mir nicht explosionsartig aufs Papier manifestieren und innerhalb weniger dynamischer Striche ein perfektes Bild erschaffen. Aber ich kann einen Abglanz von dem, was in meinem Kopf ist, erarbeiten und entdecken. Strich für Strich. Langsam und mit viel Akzeptanz. Es darf sich entwickeln und selbst finden. Und vielleicht entsteht ein Bild, das so nie in meinem Kopf war und trotzdem wunderschön ist.

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